Verständnis und Trost gehören zu einer achtsamen Kindererziehung.
Verständnis und Trost gehören zu einer achtsamen Kindererziehung.

Viele Eltern haben heutzutage das Gefühl, nicht mehr genug Zeit für ihre Kinder und generell die Familie zu haben. Gerade wenn beide Elternteile arbeiten, sind Familienaktivitäten nicht unbedingt selbstverständlich. In immer mehr Familien finden auch keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr statt.

Umso wichtiger ist es, die kostbaren gemeinsamen Stunden voll auszunutzen. Dies gilt auch für die steigende Zahl Alleinerziehender, die in der Regel einer Doppelbelastung ausgesetzt sind. Auch sie sollten von Zeit und Zeit ganz bewusst aus dem Hamsterrad des „Funktionierens“ aussteigen und die Zeit mit ihrem Kind möglichst bewusst und mit allen Sinnen erleben. Wie das gehen kann, lehrt uns die Achtsamkeit, die neben vielen anderen Lebensbereichen auch für die Erziehung von Kindern jeden Alters große Bedeutung hat.

 

Achtsames Essen mit der Familie

Bist du selbst von den wohltuenden Effekten einer achtsamen Geisteshaltung überzeugt, so wird es dir ein Anliegen sein, diese Form der bewussten Wahrnehmung auch deinen Kindern näher zu bringen. Schließlich können alle Menschen, ob groß oder klein, in allen Lebenssituationen von der Achtsamkeit profitieren und zu einem gelasseneren Umgang mit Schwierigkeiten und Problemen finden.

Wie bei allen Dingen, von denen du deine Kinder langfristig überzeugen möchtest, gilt auch für die Achtsamkeitsmeditation: Am leichtesten wird es dir fallen, wenn du selbst mit gutem Beispiel vorangehst und deinen Kindern vorlebst, wie man seine Achtsamkeit im Alltag schult. Achte darauf, deinem Kind die Grundsätze der Achtsamkeit schrittweise näher zu bringen, um es nicht zu überfordern. Bei kleineren Kindern wird es weniger um theoretische Erklärungen, sondern um die konkrete Gestaltung der gemeinsam verbrachten Zeit gehen. Wenn Kinder bei ihren Eltern beobachten, dass diese nicht versuchen, immer alles gleichzeitig zu tun, sondern sich die Zeit nehmen, ganz bei einer Sache zu bleiben, wird ihnen auch selbst die Konzentration leichter fallen.

Eine gute Möglichkeit, um gemeinsam achtsam den Moment zu würdigen, sind die Mahlzeiten. Achte darauf, dass während des Essens nicht der Fernseher läuft und Ihre Kinder alle elektronischen Geräte wie beispielsweise ihre Smartphones beiseitelegen. Halte die Kinder dazu an, langsam und mit Bedacht zu essen. Sprich mit ihnen über die verschiedenen Geschmacksrichtungen, die bestimmte Speisen hervorrufen. Zeige ihnen, wie man jeden Bissen auskosten und seine ganz eigene Qualität würdigen kann. Auf diese Weise können deine Kinder ganz nebenbei auch lernen, welche Speisen gut für uns sind und welche eher nicht.

 

Kleine Übung für die gemeinsamen Mahlzeiten

Viele Kinder werden während des Essens unruhig und wollen den Tisch verlassen, sobald sie aufgegessen haben. Versuche in solchen Momenten, dein Kind in ein Gespräch zu verwickeln, indem du zum Beispiel fragst, was es im Kindergarten oder in der Schule erlebt hat.

Mache ihm klar, dass es nicht darum geht, möglichst schnell zu essen und sich dann anderen Dingen zuzuwenden, sondern dass die gemeinsame Mahlzeit eine der wenigen Gelegenheiten ist, in denen man sich innerhalb der Familie sieht und Zeit miteinander verbringt.

Wer als Kind gelernt hat, dass solche Auszeiten auch in einem hektischen Alltag immer möglich sein müssen, wird diese Erkenntnis auch später eher selbst anwenden und sich Zeit für die Zubereitung seiner Mahlzeiten und das Beisammensitzen mit den wichtigen Menschen in seinem Leben nehmen.

 

Nehmen Sie sich Zeit, um Ihrem Kind einfach nur zuzuhören.
Nehmen Sie sich Zeit, um Ihrem Kind einfach nur zuzuhören.

Achtsames Zuhören

Gerade in größeren Familien geht es in Gesprächen oft drunter und drüber. Nach einer hitzigen Diskussion fühlen sich alle Parteien missverstanden, unter Umständen sind einzelne auch gar nicht richtig zu Wort gekommen. Nutze solche Gespräche und Diskussionen, um das achtsame Zuhören zu üben und innerhalb deiner Familie zu kultivieren. Auch ein Gespräch unter vier Augen mit einem deiner Kinder eignet sich dafür. Stelle Regeln auf wie die, dass niemand dem anderen ins Wort fällt.

Schaffe bei wichtigen Themen günstige Rahmenbedingungen für das Gespräch, indem du zusammen mit deinem Kind bzw. deinen Kindern einen ruhigen Ort aufsuchst und alles beiseitelegst, das dich ablenken könnte. Wenn dein Kind dir etwas zu sagen hat, höre ruhig und aufmerksam zu. Versuche, das Gehörte nicht sofort zu bewerten, sondern erst einmal mit einer neutralen Einstellung wahr- und anzunehmen. Achte dabei auch auf nonverbale Informationen wie Gestik und Mimik deines Kindes.

Neben einem aufmerksamen Gewahrsein für das Gesagte ist aber auch ein achtsames Wahrnehmen der eigenen Gefühlswelt wichtig. Spüre genau nach, was das soeben Gehörte in dir auslöst. Sind da plötzlich Gefühle, die eben noch nicht da waren? Empfindest du Liebe zu deinem Kind, Verständnis, Zuneigung oder auch Wut, Enttäuschung oder Traurigkeit? Nimm dir einen Moment Zeit, diese Emotionen wirken zu lassen, bevor du antwortest. Nur wenn wir uns dessen bewusst sind, was gerade in uns vorgeht und unsere Gedanken achtsam wahrnehmen, können wir in schwierigen Situationen klug reagieren.

Da die Eltern immer als Vorbild für ihre Kinder fungieren, solltest du außerdem darauf achten, dass du auch im Gespräch mit Ihrem Partner achtsam auf diesen eingehst. So werden deine Kinder ganz von alleine eine Gesprächskultur erlernen, die von gegenseitiger Akzeptanz und Wertschätzung geprägt ist. Macht dein Kind selbst die Erfahrung, dass ihm achtsam zugehört wird, wenn es ein persönliches Anliegen vorbringt oder ein Erlebnis erzählt, so wird es dies als ein Zeichen ehrlichen Interesses der Eltern werten und sich in seiner Person angenommen fühlen. Diese Form der Wertschätzung ist Voraussetzung dafür, dass ein tiefes Vertrauensverhältnis zwischen Kind und Erwachsenem entstehen kann. Nur wer sich verstanden fühlt, wird auch mit zunehmendem Alter bereit sein, die eigenen Erfahrungen, Ansichten und persönliche Probleme mit den Eltern zu teilen.

 

Von Kindern lernen

Gerade jüngere Kinder müssen Achtsamkeit häufig gar nicht lernen, sondern bringen alle Grundvoraussetzungen bereit mit. Für sie ist der Alltag noch nicht Normalität, und so erleben sie ständig Neues, das es zu erforschen gilt. Nicht ohne Grund wird Kindern eine umfassende Neugier zugeschrieben, die erst mit den Jahren verloren geht.

Nimm dir die typisch kindliche offene und neugierige Herangehensweise an neue Herausforderungen als Vorbild und lasse dich von der Forscher- und Entdeckerfreude anstecken. Teile die Begeisterung deines Kindes, wenn es etwas ihm Unbekanntes entdeckt hat und nimm dies zum Anlass, Altbekanntes einmal „mit den Augen eines Kindes“ wahrzunehmen, also so, als hättest du etwas Derartiges noch nie gesehen.

Mit der Zeit wirst du immer häufiger auf kleine Details stoßen, über die du sonst automatisch hinweggesehen hast. Selbstverständliches wird neu erfahren und zum ersten Mal seit langem wieder bewusst wahrgenommen. Auf diese Weise kann jede noch so alltägliche Begebenheit als kleine Achtsamkeitsübung dienen, die die eigene Wahrnehmung und alle Sinne schult und uns hilft, uns ganz im aktuellen Moment zu verankern.

 

Achtsamkeit führt zu innerer Ausgeglichenheit

Langfristig kann eine regelmäßig angewandte achtsame Haltung dabei helfen, mit stressigen und belastenden Situationen souveräner umzugehen. Statt von einem Termin zum nächsten zu hetzen und alles gleichzeitig erledigen zu wollen, ist es daher wichtig, dass du dir als Elternteil regelmäßig Zeit für sich gönnst. Baue dir Auszeiten in deinen Alltag ein- am besten dann, wenn es am hektischsten zugeht. Vermutlich hast du auch schon öfter bemerkt, dass du gerade dann gereizt und ungehalten auf Ihre Kinder reagierst, wenn du selbst unter Druck stehst. An solchen Tagen kann es Wunder bewirken, sich für eine Weile zurück zu ziehen und eine kleine Achtsamkeitsmeditation durchzuführen.

Suche dir dafür einen ruhigen Raum, setze dich aufrecht hin und schließe die Augen. Falls du es einrichten kannst, kann auch eine achtsame Yoga-Meditation vieles wieder ins Lot bringen. Nimm Kontakt zu deinem Körper und deinen Gedanken auf. Wo spürst du Anspannung, wo Erschöpfung? Bist du mit Ihren Gedanken im Hier und Jetzt oder ertappst du dich dabei, dass du bereits die nächsten anstehenden Aufgaben planst, die es zu erledigen gilt? Versuche, nachsichtig mit dir zu sein und für einen Moment alle scheinbaren Notwendigkeiten zu vergessen. Konzentriere dich zum Beispiel ganz auf deinen Atem oder deinen Herzschlag. Schon zehn Minuten konzentrierte Meditation können bewirken, dass wir, statt uns als Getriebene zu fühlen, den nötigen geistigen Abstand gewinnen, um die Dinge neu zu bewerten. Unter Umständen wirst du nach einer Meditation feststellen, dass nicht alle Aufgaben so dringlich sind, wie es dir zuvor erschien.

 

Auch Kinder leiden unter Stress

Die Fähigkeit, sich auf sich selbst zu besinnen, um stressige Situationen besser meistern zu können, solltest du auch deinen Kindern vermitteln. Nicht nur Erwachsene erfahren Belastungen- gerade die Schule bringt für viele Kinder große Herausforderungen und manchmal auch Probleme mit sich.

Übe gemeinsam mit deinem Kind, tief durchzuatmen und die eigenen Gefühle wie Aufregung oder Angst wahrzunehmen, ohne sie überzuinterpretieren, aber auch ohne sie von sich wegzuschieben. Auf diese Weise gibst du deinem Kind ein machtvolles Werkzeug an die Hand, das es zum Beispiel vor Klassenarbeiten oder in Auseinandersetzungen mit Gleichaltrigen einsetzen kann, um klüger zu regieren.

 

Die achtsame Erziehung

Neben den genannten Möglichkeiten, um zusammen mit allen Familienmitgliedern eine achtsame Haltung zu trainieren, sollte das Konzept der Achtsamkeit zur generellen Basis Ihrer Kindererziehung werden. Die Fülle an Literatur, die Erziehungstipps für Eltern gibt, ist schier unübersehbar und nicht selten geprägt von Widersprüchen. Welche Reaktion in einer bestimmten Situation die richtige ist, kannst nur du selbst entscheiden.

Dafür ist es notwendig, keine starren Regeln zu verfolgen, sondern immer wieder flexibel auf Ihr Kind einzugehen. Versuche, nicht in Routinen zu verfallen oder Erziehungstipps von Dritten ungeprüft zu übernehmen. Achte darauf, was dein Kind gerade wirklich braucht, indem du sein Verhalten achtsam und genau wahrnimmst. Wenn dir manches unverständlich erscheint, führe ein achtsames Gespräch mit deinem Kind und bitte es, dir seine momentanen Gedanken und Gefühle mitzuteilen.

Du wirst bemerken, dass eine solche ruhige Herangehensweise dir nicht immer leicht fällt- zu sehr sind wir es gewöhnt, uns von unseren Emotionen leiten zu lassen und auch einmal impulsiv zu reagieren. Eine achtsame Erziehung wird sich langfristig aber in jedem Fall auszahlen und zu einem tieferen Verständnis für dein Kind führen. Eine liebevolle, aufmerksame Haltung im Miteinander wirkt sich wiederum umgekehrt auch auf dein Kind aus. Die Hektik der Eltern überträgt sich oft sehr viel stärker auf ihre Kinder, als diesen bewusst ist. Gemeinsame achtsame Momente können hier Kindern und Eltern gleichermaßen Frieden bringen. Durch das Sprechen über Emotionen und Gedanken lernen Kinder außerdem ihre Eltern besser kennen und können deren Entscheidungen und erzieherischen Maßnahmen besser nachvollziehen.

Hier findest du einen Artikel zur Unterstützung Jugendlicher: Achtsamkeit in der Pubertät.

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