Achtsamkeit kann bei chronischen Schmerzen ein guter Ansatzpunkt sein.
Achtsamkeit kann bei chronischen Schmerzen ein guter Ansatzpunkt sein.

Schmerzen, vor allem regelmäßig wiederkehrende oder ständig vorhandene, stellen eine extreme Form psychischer Belastung dar. Ständig von neuem auftauchende Schmerzen in Kopf, Rücken, Bauch oder den Extremitäten zermürben und können diejenigen, die sie quälen, bis zur Verzweiflung oder sogar in den Suizid treiben.

Umso wichtiger ist es, dass du als Schmerzpatient dir kompetente Hilfe suchst. Ein Weg, um zu einem besseren Umgang mit den Schmerzen zu gelangen, kann das Erlernen von Achtsamkeit darstellen. Achtsamkeitsmeditation wird seit Jahren erfolgreich bei der Behandlung chronischer und akuter Schmerzen eingesetzt. Diese Form der Behandlung ist vor allem für solche Patienten reizvoll, die der ständigen Einnahme von Medikamenten kritisch gegenüberstehen oder bei denen die verschriebenen Medikamente keine Wirkung mehr entfalten.

 

Die Ursachen von Schmerzerkrankungen

Die Ursachen für chronische Schmerzen sind vielfältig und gar nicht immer genau festzustellen. Klassischerweise treten wiederkehrende Schmerzen zum Beispiel nach Unfällen, Entzündungen oder degenerativen Prozessen auf. Es sind aber auch psychische Ursachen möglich oder eine Kombination aus beiden Faktoren. Häufig treten chronische Schmerzen als Begleiterscheinung von Depressionen, Ängsten oder anderen psychischen Erkrankungen auf. Auch ein belastendes Lebensereignis wie ein Trauma, ein schwerer Verlust, das Erlebnis von Arbeitslosigkeit etc. können aus Auslöser in Frage kommen.

Die Symptome sind bei chronischen Schmerzerkrankungen immer gleich, unabhängig davon, welche Kombination von Faktoren ursächlich ist. Aus diesem Grund können auch alle Schmerzpatienten gleichermaßen von der achtsamkeitsbasierten Schmerztherapie profitieren.

 

Die achtsame Haltung gegenüber Schmerzen

Die meisten Menschen mit chronischen Schmerzen entwickeln mit der Zeit Strategien, wie sie mit den wiederkehrenden negativen Empfindungen umgehen können. Ziel ist stets, den starken Leidensdruck zu senken und wieder zu mehr Lebensqualität zu finden. Zu diesem Zweck versuchen viele Patienten, ihre Schmerzen zu analysieren und verlieren sich in endlosen Grübeleien darüber, was die Ursachen für ihr Leiden sein könnten, warum ihnen die Ärzte nicht helfen können und was sie selbst unter Umständen falsch machen. Diese negative Gedankenspirale ist jedoch der Gesundheit alles andere als zuträglich und trägt langfristig zur Aufrechterhaltung der chronischen Schmerzen bei.

Weit verbreitet ist auch das gezielte Ignorieren jedes Schmerzerlebens, was jedoch in der Regel nur bedingt funktioniert.

Die Achtsamkeitslehre verfolgt im Umgang mit dem Schmerz eine entgegengesetzte Haltung. Sie unterscheidet nicht zwischen angenehmen und unangenehmen körperlichen Empfindungen – Ziel ist es stets, allen Wahrnehmung das gleiche wohlwollende Interesse und die gleiche Aufmerksamkeit entgegen zu bringen. Die Patienten sollen lernen, direkt in den schmerzenden Körperteil „hineinzufühlen“.

 

Achtsamkeit im Alltag

Wer gelernt hat, selbst auf kleinste körperliche Veränderungen zu achten und das Entstehen und Vergehen seiner Schmerzen genau zu beobachten, wird mit der Zeit ein tieferes Verständnis seiner Schmerzerkrankung entwickeln. Zu Beginn der Achtsamkeitsunterweisung erscheint den Patienten ihr Schmerz meist als immer gleichförmig und von ähnlicher Intensität. Durch die aufmerksame Wahrnehmung dessen, was im Körper geschieht, entdecken sie häufig, dass es sich bei ihren Schmerzen keineswegs um ein einförmiges Gebilde handelt. Vielmehr stellen sie fest, dass diese ihre Qualität ständig verändern, sowohl, was ihre Stärke als auch, was die Art der Empfindung betrifft.

Mit der Zeit wirst du nicht nur ihre Schmerzen besser kennen lernen, sondern auch Faktoren identifizieren, die zu deren Auslösung beitragen. Durch eine genaue Beobachtung deines Körpers wirst du feststellen, dass manche Aktivitäten dir gut tun und sich positiv auf dein Schmerzerleben auswirken während andere dieses eher noch verstärken. So ist zum Beispiel der Zusammenhang zwischen Stress und Schmerzattacken vielen Menschen nur undeutlich bewusst. Nutze die Besinnung auf deinen Körper in der Achtsamkeitsmeditation, um die individuellen Stressoren in deinem Leben zu identifizieren. Nur so kannst du langfristig etwas verändern, um deine Lebensbedingungen optimal zu gestalten und gut für dich zu sorgen.

 

Lassen Sie Gedanken wie  Wolken vorüberziehen.
Lassen Sie Gedanken wie Wolken vorüberziehen.

Herausforderungen der Achtsamkeitsmeditation bei Schmerzen

Das achtsame Sein mit den Schmerzen zählt zu den größten Herausforderungen der Achtsamkeitsmeditation.

Viele Schmerzpatienten reagieren mit Ablehnung, wenn sie aufgefordert werden, sich ganz bewusst mit ihrem Schmerz auseinander zu setzen. Sie wünschen sich, Methoden zu erlernen, mit deren Hilfe sie sich von ihrem Leiden ablenken und für einen Moment ihre Sorgen vergessen können. Stattdessen sollen sie sich nun ganz auf den schmerzenden Körperteil konzentrieren und es aushalten, wenn dadurch die Schmerzintensität zunächst erst einmal zunimmt.

An dieser Stelle ist es wichtig, die Meditierenden behutsam über die Vorzüge der Achtsamkeit aufzuklären. Es geht nicht darum, Schmerzen zu verstärken, sondern einen anderen Umgang mit ihnen zu entwickeln. Dieser kann langfristig dazu führen, dass die Schmerzen nachlassen. Und selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, können die Patienten zu einer Geisteshaltung finden, die ihnen erlaubt, die Schmerzen anders zu bewerten.

Natürlich ist es leichter, sich auf angenehme körperliche Empfindungen zu konzentrieren als auf belastende. Aus diesem Grund solltest du als Schmerzpatient dein Achtsamkeitstraining auch stets mit einer Konzentration auf den Atem oder eine andere neutrale Empfindung beginnen.

Die Besinnung auf den Schmerz sollte erst in Angriff genommen werden, wenn du die Grundprinzipien der Achtsamkeit bereits verinnerlicht hast und durch ihre fortgesetzte Übung in der Meditation erfahren bist. Aber auch dann wird niemand gezwungen, sich nur mit seinen Schmerzen auseinander zu setzen.

Wenn eine Konzentration auf den Schmerz zu belastend ist, sollte die Aufmerksamkeit sanft auf andere Körperteile gelenkt werden. Es ist sinnvoll, regelmäßig so gut es dir möglich ist zu der schmerzenden Stelle zurückzukommen, ohne jedoch irgendetwas erzwingen zu wollen. Mit der Zeit wird es dir sicher leichter fallen, auch unangenehme Empfindungen zuzulassen, da du die Erfahrung machen wirst, dass diese häufig weniger schlimm ausfallen als befürchtet.

 

Der Umgang mit Aversion

Viele Schmerzpatienten reagieren auf die Rückkehr ihres Schmerzes automatisch mit Ablehnung (Aversion). Kaum nehmen sie eine unangenehme Empfindung im Körper wahr, versuchen sie schon, diese so gut es geht zu ignorieren. Gelingt dies nicht, entwickeln sie Strategien, um den Schmerz zu bekämpfen.

Diese Anstrengungen werden häufig von negativen Gedanken begleitet wie Schuldzuweisungen, Hoffnungslosigkeit in Bezug auf eine Heilung, Wut und Aggression. In der Achtsamkeitsmeditation lernst du, wie du dich aus diesen für den Krankheitsverlauf ungünstigen Denk- und Verhaltensweisen befreien kannst.

Ziel jeder Achtsamkeitsübung ist nicht, wie viele Menschen glauben, Ruhe und Entspannung, sondern eine neutrale, akzeptierende Haltung allen Gedanken und Empfindungen gegenüber. Dies steht im Gegensatz zu dem Bestreben der meisten Menschen, Zufriedenheit anzustreben und Unzufriedenheit zu vermeiden. Bei der Achtsamkeit geht es darum, Freiheit im Umgang mit seinen Gefühlen zu erlangen. Dies kann auf die Dauer nur funktionieren, wenn Sie den Impuls, negative Empfindungen zu leugnen oder zu verdrängen, wahrnehmen, ihm jedoch nicht folgen.

In der Arbeit mit negativen Empfindungen wirst du besonders häufig die Erfahrung machen, dass dein Geist während der Meditation abschweift und du dich in Gedanken verlierst. Dies ist ein ganz normales Phänomen; du solltest jedoch darauf achten, dass du die unangenehmen Wahrnehmungen dadurch nicht vermeidest und den Fokus deiner Aufmerksamkeit immer wieder sanft zum Körper zurücklenkst.

 

Das Revidieren von Zielen

Dein Ziel sollte nicht sein, einen bestimmten Zustand, beispielsweise die Schmerzfreiheit, zu erreichen. Akzeptanz der Schmerzen ist nur möglich, wenn du nicht versuchst, diese zu verändern. Wir sind im Alltag permanent damit beschäftigt, unseren aktuellen mit einem erwünschten Zielzustand zu vergleichen. Dies führt auf die Dauer zu Unzufriedenheit, da wir den „perfekten“ Zustand nur selten erreichen. Durch eine achtsame innere Haltung erlangen Sie eine persönliche Unabhängigkeit von Zielvorstellungen.

  • Die Achtsamkeitslehre geht davon aus, dass alle Gedanken und Gefühle im aktuellen Moment sowieso schon da sind, ohne dass wir daran etwas ändern könnten. Also können wir sie genauso gut interessiert und wohlwollend betrachten.
  • Wenn sich dadurch die unangenehmen Empfindungen mit der Zeit verändern, seltener auftreten oder schwächer werden, und wenn uns die Meditationspraxis dabei hilft, einen Zustand von Entspannung und Gelassenheit zu erreichen, so sind dies angenehme Nebeneffekte der Achtsamkeit. Das Loslassen des Wunsches, jederzeit glücklich zu sein und ohne Schmerzen zu leben, kann bereits für sich genommen eine starke Entlastung für den Schmerzpatienten mit sich bringen.

Wirksamkeit der Achtsamkeit

In einer Studie aus dem Jahr 2011 wurde die Reaktion von gesunden achtsamen und nicht-achtsamen Patienten auf Schmerzreize untersucht. Während die eine Gruppe von Teilnehmern umfangreiche Erfahrung in der Achtsamkeitsmeditation hatte, waren die anderen Probanden noch nicht mit dem Thema Achtsamkeit in Berührung gekommen. Beide Gruppen erhielten ungefährliche elektrische Schmerzreize, während sie in einem Kernspintomographen lagen. Diejenigen Probanden mit Erfahrung in der Achtsamkeit wurden zuvor gebeten, eine achtsame Haltung gegenüber den Schmerzen einzunehmen.

Tatsächlich gaben sie in der Folge an, die Schmerzreize nur als minimal schwächer wahrzunehmen als die Teilnehmer der Vergleichsgruppe. Allerdings berichteten sie eine um 29 % verminderte Angst vor dem nächsten Schmerzimpuls im Vergleich zur Kontrollgruppe. Diese Befunde wurden durch die Auswertung der MRT-Bilder bestätigt, die eine herabgesetzte Aktivierung in Hirnarealen zeigten, die mit der negativen Bewertung von belastenden Erfahrungen im Zusammenhang steht.

Offenbar gelang es den achtsamen Teilnehmern, den Schmerz bewusst wahrzunehmen, ohne ihn automatisch als negativ zu bewerten. Dies stimmt mit den Erfahrungen vieler Patienten mit chronischen Schmerzen überein, die an einer achtsamkeitsbasierten Therapie teilgenommen haben. Diese berichten häufig, sich seit der Therapie weniger durch ihre Erkrankung gestresst zu fühlen. Sie haben eine andere Einstellung ihren wiederkehrenden Schmerzen gegenüber entwickelt und so zu mehr Zufriedenheit und einer besseren Lebensqualität gefunden. Für viele ist schon die Erfahrung, ihr Schmerzerleben durch ihre Herangehensweise und ihre Gedanken aktiv verändern zu können, bahnbrechend und leitet in der Folge einen weitreichenden Veränderungsprozess ein.

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