Achtsamkeitsübungen eröffnen erstaunliche Einsichten, auch innerhalb einer Beziehung.
Achtsamkeitsübungen eröffnen erstaunliche Einsichten, auch innerhalb einer Beziehung.

Die Fähigkeit, im Hier und Jetzt zu sein und die eigene Umgebung bewusst und detailliert wahrzunehmen, spielt nicht nur für die Meditation oder die Selbsterkenntnis eine Rolle, sondern erweist sich auch als förderlich für jede romantische Paarbeziehung. Vielen Paaren ist die achtsame Wahrnehmung ihres Partners im Laufe der Zeit abhandengekommen, ohne dass sie dies bemerkt hätten.

Die gute Nachricht ist, dass sich die eigene Achtsamkeit in der Beziehung leicht wiedererlangen lässt, wenn Sie ein paar Dinge berücksichtigen. Auf diese Weise werden Sie Ihren Partner, den sie bis ins Detail zu kennen glaubten, ein Stück weit neu erleben. Dabei werden Sie feststellen: Achtsam sein lohnt sich und tut Ihnen und Ihrer Beziehung gut.

 

Zeit der Verliebtheit- Zeit der Achtsamkeit

Wenn wir jemanden kennen lernen, der uns so sehr beeindruckt, dass wir uns in ihn verlieben, müssen wir uns in der Regel keine Mühe mit der Achtsamkeit geben- sie stellt sich ganz von selbst ein. Zu Beginn einer Beziehung bzw. eines Flirts ist alles am anderen noch ganz neu und ungewohnt. Es gibt keine Routinen im Miteinander, und unser Wissen über den anderen ist noch sehr unvollständig. Gerade das macht ja den Reiz des Neuen aus- wir haben das Gefühl, dass noch alles offen und möglich ist. Bei jedem Treffen eröffnet sich uns deshalb eine neue Welt. Vielleicht kennen Sie auch verliebte Pärchen, die für nichts um sie herum mehr Augen oder Ohren haben und nur noch an den Lippen des Geliebten zu hängen. Und alles, was er oder sie sagt, als neu und interessant empfinden.

In dieser Phase einer Beziehung schenken wir dem Partner in spe automatisch unsere ganze Aufmerksamkeit, indem wir uns in seiner Gegenwart mit nichts anderem beschäftigen und mit allen Sinnen anwesend sind. Abschweifende Gedanken sind meist kein Problem, denn die kreisen im Moment sowieso ständig um das Objekt unserer Verliebtheit. Und auch in anderer Hinsicht zeigen wir uns „aufmerksam“, z.B., indem wir pünktlich zu einem Date erscheinen, Blumen mitbringen oder die Lieblingsmusik des anderen auflegen. Das Neue und Aufregende an der Situation zieht unsere Aufmerksamkeit ganz von selbst an, ohne dass wir uns dabei Mühe geben müssten.

Das bleibt von unserem Partner natürlich nicht unbemerkt: Er interpretiert unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zutreffend als gesteigertes Interesse an seiner Person und fühlt sich geschmeichelt. Für das eigene Selbstwertgefühl gibt es auf der anderen Seite kaum eine bessere Streicheleinheit als die Aufmerksamkeit eines Menschen, der sich gerade frisch in uns verliebt hat. Wir fühlen uns als Person wertgeschätzt und angenommen, wenn das, was wir sagen, unserem Gegenüber stets klug und interessant erscheint und er alle unsere Verhaltensweisen, auch die ungewöhnlichen, als liebenswert empfindet.

Leider hält dieser Effekt meist nur einige Monate an. Entwickelt sich der anfängliche Flirt zu einer Beziehung, so schleicht sich schnell eine Routine im Umgang mit dem Partner ein, die zu Schwierigkeiten führen kann. So kann es leicht passieren, dass wir unseren Partner und das, was er für uns tut, als selbstverständlich betrachten. Oder ihm immer stärker mit Vorurteilen begegnen und unsere Aufmerksamkeit nur noch auf seine Schwächen lenken, ohne positive Veränderungen zu bemerken.

Ein Blumenstrauß, egal wie groß, heißt: "Ich denke an dich, du bist mir wichtig"
Ein Blumenstrauß, egal wie groß, heißt: “Ich denke an dich, du bist mir wichtig”

Das ist schade, denn keine Beziehung ist selbstverständlich. Die meisten Menschen haben ein großes Bedürfnis danach, geliebt und in ihrer Persönlichkeit akzeptiert zu werden. Gefährlich wird es, wenn wir das Gefühl haben, unser Partner interessiere sich für andere Menschen mehr als für uns. In diesem Fall entsteht schnell der Eindruck, „langweilig“ geworden zu sein und mit neuen Bekanntschaften nicht mithalten zu können. Es ist daher wichtig, dem Menschen, mit dem wir unser Leben teilen, immer wieder zu signalisieren, dass er uns von allen am meisten interessiert und unsere Liebe ungebrochen ist. Dazu gehört nicht nur, zum Beispiel an den Hochzeits- oder Jahrestag zu denken oder ab und zu mal Blumen zu kaufen. Obwohl solche kleinen Gesten auch eine gewisse Aufmerksamkeit zum Ausdruck bringen, ist etwas anderes entscheidend, nämlich die Aufmerksamkeit in ganz alltäglichen, scheinbar langweiligen Situationen.

 

  • Was uns in einer Beziehung glücklich macht, ist nicht ein gelungener Valentinstag oder Geburtstag, sondern eine beglückende Kommunikation an einem ganz normalen Abend unter der Woche oder das gemeinsame Frühstück, bevor beide in den Tag starten, auch wenn gerade nicht viel Zeit ist.
  • Wer seinem Partner achtsam und aufmerksam begegnet, profitiert in jedem Fall auch selbst davon, da sich so erst gar keine Gefühle von Routine oder Stillstand einstellen können.

 

Fehlende Achtsamkeit in der Beziehung

Nicht wenige Menschen haben das Gefühl, von ihrem Partner kaum noch wahrgenommen zu werden. Die Situationen, in denen dieser Eindruck entstehen kann, sind vielfältig. Ein Klassiker ist die neue Frisur, die vom anderen nicht bemerkt wird, oder ein neues Kleidungsstück. Auch ein neuer Einrichtungsgegenstand in der gemeinsamen Wohnung wird leicht übersehen und damit Anlass für Unmut für denjenigen, der ihn gekauft hat.

Besonders verletzend kann es auch sein, wenn wir etwas für unseren Partner tun oder uns in einer Sache besonders viel Mühe geben und dieser Einsatz nicht gewürdigt wird. So manches gemeinsame Essen hat schon in Streit geendet, weil einer der Partner das sorgfältig zubereitete Mahl achtlos in sich hineingeschaufelt hat, ohne zu bemerken, was er da eigentlich isst. Auch wer viel für seinen Partner tut, sei es, dass er ihm im Alltag den Rücken frei hält, ihn beruflich unterstützt oder regelmäßig größere Opfer für ihn bringt, wird diese Fürsorge irgendwann einstellen, wenn er sie nicht gewürdigt sieht. Haben sich solche Verhaltensmuster erst einmal eingeschlichen, entsteht bei einem der Partner leicht der Eindruck, in der Beziehung ausgenutzt zu werden. Auf diese Weise entsteht ein Gefühl der Unterlegenheit oder sogar Demütigung, was empfindlich am eigenen Selbstwert kratzen kann.

Vielleicht wollen Sie Ihrem Partner auch manchmal etwas für Sie Wichtiges aus Ihrem Leben erzählen, zum Beispiel, was Sie im Laufe des Tages erlebt haben- und statt Ihnen aufmerksam zuzuhören, ist dieser mit seinen Gedanken offensichtlich ganz woanders und signalisiert Ihnen deutlich sein Desinteresse. Im schlimmsten Fall versucht er oder sie gar nicht zu verbergen, dass er nicht zuhört, und schaltet beispielsweise den Fernseher an.

  • Wer regelmäßig die Erfahrung macht, in seiner Beziehung nicht gehört zu werden, zieht sich in der Folge häufig zurück oder bespricht persönliche Dinge nur noch mit anderen. Auf die Dauer schwinden so Nähe und Intimität zwischen den Partnern, und es entsteht ein Gefühl der Unzufriedenheit und der Lieblosigkeit. Unter Umständen kann eine solche Entwicklung sogar zum Bruch zwischen den Liebenden führen, denn die Gefahr ist groß, dass ein neuer Mensch in das eigene Leben tritt, für den wir neu und aufregend sind und der uns deshalb seine ganze Aufmerksamkeit schenkt.
    Schon mancher hat sich aus einer Beziehung verabschiedet mit dem Gefühl, dass der langjährige Partner ihn gar nicht verdient habe und die eigenen Vorzüge einfach nicht so würdige wie die neue Bekanntschaft. Dabei lässt sich mit einer achtsamen Haltung vieles verändern und sogar eine vorübergehende Entfremdung zwischen den Partnern ganz leicht behoben werden.

 

Achtsames Zuhören in der Partnerschaft

Keine Frage: Einem Partner, mit dem man schon länger zusammen ist, jederzeit seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken, ist schwer. Häufig möchte man nach einem harten Arbeitstag einfach seine Ruhe haben und sich nicht noch langwierige Berichte anzuhören. Mit ein bisschen Übung werden Sie aber Wege finden, um Ihrem Partner Zuneigung und Interesse zu signalisieren, auch wenn Sie nicht zu jedem Zeitpunkt ganz bei ihm sind.

Auch das gemeinsame Frühstück im Stehen kann zur Achtsamkeitsübung werden.
Auch das gemeinsame Frühstück im Stehen kann zur Achtsamkeitsübung werden.

Eine Möglichkeit, zu einem achtsameren Umgang miteinander zu finden, besteht darin, für sich selbst oder auch für beide Partner Inseln der Achtsamkeit zu schaffen. Zum Beispiel könnten Sie beschließen, gemeinsame Mahlzeiten ohne Ablenkung gemeinsam zu verbringen und als eine Art Auszeit betrachtet, in der man sich Zeit für eine genussvolle Wahrnehmung und gute Gespräche nimmt. Nehmen Sie sich vor, das, was Sie essen, in Zukunft ganz bewusst wahrzunehmen, vor allem, wenn Ihr Partner es zubereitet hat. Schenken Sie diesem während der gemeinsamen Mahlzeit Ihre Aufmerksamkeit, wenn er etwas erzählt. Dazu gehört natürlich auch, dass das Smartphone beiseitegelegt und der Fernseher ausgeschaltet wird.

Geben Sie sich Mühe, ganz genau auf das zu achten, was Ihr Partner sagt- auch wenn Sie zunächst das Gefühl haben, diese Geschichte schon ein Dutzendmal gehört zu haben. Unter Umständen werden Sie entdecken, dass Ihr Partner Dinge nicht ohne Grund erzählt und auf einen bestimmten Aspekt hinaus will, der Ihnen normalerweise entgangen wäre. Probieren Sie, zuzuhören, ohne das Gesagte gleich zu bewerten und ohne bereits die eigene Erwiderung zu planen. Im Moment des Zuhörens sollten Sie nur für Ihr Gegenüber da sein und keine eigenen Interessen verfolgen.
Jemand, dem auf diese Weise zugehört wird, empfindet dies als Wertschätzung und Interesse und ist eher bereit, sich auch bei schwierigen Themen zu öffnen. Auf diese Weise erfahren Sie vielleicht Dinge, die sonst nie zur Sprache gekommen wären, und bekommen einen besseren Zugang zu Ihrem Partner.

Diese Grundregel sollten Sie auch in Diskussionen oder Streits anwenden. Bemühen Sie sich, nicht automatisch und emotional auf eine abweichende Meinung oder einen Vorwurf zu reagieren, sondern zunächst einmal genau zuzuhören, was Ihr Partner Ihnen gerade mitteilen möchte. Oft schaukeln sich die Dinge nur deshalb auf, weil zwischen den Gesprächspartnern ein Missverständnis vorliegt. Lassen Sie eine andere Einstellung gelten und verurteilen Sie sie nicht.

Nehmen Sie außerdem wahr, was das Gesagte in Ihnen auslöst. Spüren Sie Wut, Enttäuschung oder Trauer? Schieben Sie diese Gefühle nicht weg und versuchen nicht, sie zu verändern. Sie können Ihrem Partner nur dann mitteilen, wie es gerade in Ihnen aussieht, wenn Sie auch wirklich in sich hineinhören. Das Wahrnehmen der eigenen Gefühle ermöglicht es Ihnen, automatische Reaktionsweisen abzulegen und stattdessen frei zu entscheiden, wie Sie mit einer Situation umgehen möchten. Statt wie bisher zum Beispiel einfach zurückzuschießen, stehen Ihnen nun viele verschiedene Handlungsoptionen offen. Unter Umständen hilft Ihnen das dabei, eingefahrene dysfunktionale Kommunikationsmuster zu überwinden und Ihrem Partner auf eine neue Art und Weise entgegen zu treten.

 

Achtsames Wahrnehmen der Persönlichkeit

Langjährige Partner glauben oft, sich gegenseitig genau zu kennen. Dabei zeigen Studien, dass Paare, die seit vielen Jahren verheiratet sind, oft weniger über einander wissen als frisch Verliebte. Diese Erkenntnis ist ein guter Anlass für ein kleines Achtsamkeitsexperiment. Nehmen Sie sich dazu vor, Ihren Partner in Zukunft immer wieder einmal ganz bewusst so wahrzunehmen, als sähen Sie ihn zum ersten Mal. Achten Sie genau darauf, wie er aussieht, welche Kleidung er an diesem Tag trägt, wie seine Stimme klingt und wie er riecht. Sehen Sie ihn buchstäblich mit neuen Augen und betrachten Sie seine Anwesenheit nicht als selbstverständlich- sie ist es nicht.

Registrieren Sie, wofür er sich interessiert, was ihm Freude bereitet und wovor er sich fürchtet. Viele Menschen leben in einer Beziehung eher mit dem Bild von ihrem Partner zusammen, das sie sich vor langer Zeit gemacht haben, als mit dem Menschen, zu dem er sich entwickelt hat.

Nutzen Sie daher immer einmal wieder die Gelegenheit, Ihren Liebsten oder Ihre Liebste ganz neu zu entdecken. Vielleicht bemerken Sie dabei, dass dieser sich in einer Weise verändert hat, die Ihnen noch gar nicht aufgefallen ist. Zum Beispiel kann es sein, dass sich die Einstellung unseres Partners zu bestimmten Themen gewandelt hat, ohne dass wir das bemerkt haben. Oder er hat sich in letzter Zeit Mühe gegeben, an persönlichen Schwächen zu arbeiten, mit denen wir uns längst abgefunden hatten.

  • Menschen verändern sich viel stärker, als wir gemeinhin annehmen. Das betrifft sogar den Charakter, der den meisten als unveränderlich gilt. Eine solche Veränderung werden Sie nur wahrnehmen, wenn Sie Ihrem Partner mit der Achtsamkeit begegnen, die notwendig ist, um ihn vorurteilsfrei mit all seinen Besonderheiten immer wieder neu zu erleben und ihm so gerecht zu werden, wie er im Moment gerade ist.

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